Nobilis 6 / 2007

Passion in der Steppe

Für ein Tierfoto riskiert Benny Rebel alles. Kaum aus Indien zurück, bereitet sich der Hannoveraner schon auf die nächste Tour vor. nobilis hat den Abenteurer zu Hause besucht.

nobilis 6 - 2007

Gäbe es eine Stellenausschreibung für die Arbeit von Benny Rebel, dann stände dort mit Sicherheit "Sitzfleisch" ganz oben auf der Anforderungsliste. Nicht dass der hannoversche Tierfotograf ein so phlegmatischer Mensch wäre, vielmehr ist stundenlanges Ausharren in den Steppen und Djungeln dieser Welt die Voraussetzung für seinen Erfolg.

Der 38-Jährige, der sich seinen Namen vor vielen Jahren als Reggae-DJ zugelegt hat, empfängt uns in seinem privaten Reich in Hannover- Ricklingen. Wer einen freakigen Abenteurer à la "Indiana Jones" erwartet hatte, wird überrascht: Der gebürtige Iraner strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Seine Wohnung wirkt wie eine afrikansche Oase im Großstadtjungel. Gemütliche Bambusmöbel, grandiose Tieraufnahmen an allen Wänden. Zum Gespräch hat er so viele Wasserflaschen bereitgestellt, als ob unser Gespräch eine ganze Trockenzeit überdauern müsste.

Wenn Rebel über seine Arbeit spricht, wirkt das unaufgeregt und abgeklärt, obwohl sein Job ein Job am Limit ist: Stunden absoluter Konzentration in totaler Stille, immer bereit, im perfekten Moment den Auslöser zu drücken."Für eins meiner Tigerfotos habe ich in Indien mehrmals zig Stunden bei 45 Grad Hitze in der knallenden Sonne gesessen und gehofft, dass sich das Gras bewegt."
Sein Antrieb bei allem ist die Liebe zur Natur. Rebel selbst beschreibt sich zuerst als Umweltschützer. Früher hat er sich für seine Überzeugung auch mal an Gleise gekettet, heute sind es stattdessen die legendären Fotos von den bedrohten Tieren dieser Welt, mit denen er Position bezieht. Er hat damit eine Nische gefunden, um sich für seine Ideale auf ganz eigene Weise einzusetzen: "Meine Arbeit ist für mich eine Berufung. Ich habe eine Mission zu erfüllen - für die Natur kämpfen."

Rebel wurde 1968 im Iran geboren und lebt seit 1987 in Hannover. Schon als kleiner Junge hat er sich für die Natur begeistert und stundenlang Tiere beobachtet. Sein Kindheitstraum war es, in Afrika auf einem Baum zu sitzen und Giraffen zu beobachten. Mittlerweile war er schon mehr als zwanzig Mal dort. Und bei seiner ersten Reise ist er tatsächlich auf einen Affenbrotbaum geklettert: "Das war ein Gefühl, als ob ich endlich nach Hause gekommen wäre."
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Seine Eltern hätten es eigentlich viel lieber gesehen, dass ihr Sohn Ingenieur wird, so dass er erst einmal eine Ausbildung zum Feinmechaniker gemacht hat. "Wenn ich dann später erzählt habe, ich laufe lieber Tigern, Löwen oder Elefanten hinterher und mache Fotos, war meine Familie schon anfangs ziemlich enttäuscht."
Über seine Arbeit beim Greenpeace hat er zur Fotografie gefunden."Ich habe gemerkt, dass ich über die Fotos viele Menschen mit meinem Anliegen erreichen kann". Seitdem ist die Tierfotografie sein Leben. Das technische Know-how hat er sich selbst beigebracht.
Sein Erfolg spricht für sich. Seit Jahren wird der Autodidakt mit Auszeichnungen überhäuft, Medien aus ganz Europa reißen sich um ihn und seine Arbeiten. Sogar Rebels großes Vorbild Heinz Sielmann hat einmal gesagt: " Was ist die höchste Auszeichnung für einen Fotografen? Für mich lautet die Antwort: Wenn er tiefe Gefühle beim Betrachter weckt: Staunen, Freude, Ehrfurcht vor der Natur. Das gelingt Benny Rebel mit jeder einzelnen Aufnahme."
Löwen, Leoparden, Nashörner- er hat sie alle mit seiner Kamera eingefangen und war dabei so dicht dran, wie kaum ein Zweiter. Während andere Fotografen im sicheren Jeep sitzen bleiben, sucht Rebel die Nähe der Tiere. So hat er einmal für das "perfekte Bild" in der freien Wildbahn nur einen Meter von einem Nashorn entfernt gestanden. Für Experten nahezu ein Wunder, denn Nashörner greifen normalerweise sofort an oder fliehen. Doch Rebel nimmt sich Zeit, versucht, die Tiere zu verstehen, baut beinahe so etwas wie Freundschaft auf. Der Abenteurer hat keine Angst vor Tieren, aber Respekt und viel Erfahrung: "Ich bin ja nicht lebensmüde! Ich würde mich nie auf unwägbare Risiken einlassen. Warscheinlich habe ich einfach gelernt, die Sprache der Tiere zu verstehen". Rebel weiß jede Kopfbewegung seiner vierbeinigen Gegenüber zu deuten. Zittert plötzlich die Schwanzspitze oder werden die Ohren weggeklappt, sind das wichtige Alarmsignale.
Und dennoch ist auch ihm klar, dass man in der Natur täglich sein Leben riskiert. "Ich bin schon unzählige Male angegriffen worden, von Elefanten, Löwen, Büffeln oder Leoparden. Ich bin nun mal meistens zu Fuß und unbewaffnet unterwegs. Das ist schließlich der Grund, warum ich so erfolgreich bin." Wenn Rebel seine gefährlichen Erlebnisse aufzählt, klingt das so unbeteiligt, als würde er einen Einkaufszettel vortragen. Doch gerade das Coolbleiben trotz heftiger Adrenalinschübe hat ihn bisher immer vor größeren Verletzungen bewahrt- egal ob ein Löwe um sein einsames Zelt strich oder ein Elefantenbulle zum Angriff blies.
Mittlerweile bringt Rebel die Erfahrung von vielen Jahren im Busch mit, in Südafrika hat er sich zum Ranger ausbilden lassen. In seinem Zuhause in Hannover steht ein ganzes Regal voller Bücher über Tiere und ihr Verhalten. "Je mehr man über das Wesen des jeweiligen Tieres weiß, umso besser ist man im entscheidenden Augenblick am Drücker und kann auch interagieren."
Kenia, Südafrika, Indien oder Galapagos - allein 2007 wird Rebel mehr als sechs Monate unterwegs sein. Sein nächstes großes Ziel ist der Iran, dort leben die letzten rund 60 asiatischen Geparde dieser Welt. Die will er vor die Linse bekommen. Die Tour soll knapp vier Monate dauern, Rebel hat - wie fast immer - die Region ausgewählt und alles selbst organisiert.
Zwischen seinen anstrengenden Touren erholt sich der junggebliebene Abenteurer gern mit seiner Lebensgefährtin im gemeinsamen Reich in Hannover-Ricklingen. Reggae-Partys, Freunde treffen, ausruhen. Doch nach ein paar Tagen hat er das Stadtleben meist wieder satt, freut sich auf seine Arbeit in der Natur.
Seine Freundin Miriam arbeitet als Verkäuferin im Outdoorbereich. Sie akzeptiert das hohe Risiko seiner Leidenschaft. "Sie weiß, dass ich das machen muß!" Wann immer sie es möglich machen kann, begleitet sie ihn auf eine seiner Touren. Dann heißt es: gemeinsam warten auf den perfekten Moment, in dem endlich das Gras raschelt und Tiger oder Gepard vielleicht für drei Sekunden ganz nah sind. Momente des Glücks, für die sich Schweiß, Stress und Sitzfleisch wieder einmal gelohnt haben.

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